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Nebel im August

16. September 2016

Am 29. September kommt mit "Nebel im August" ein Film in die Kinos, der die NS-"Euthanasie" zum Thema hat. Anlässlich des Filmstarts haben wir Schauspieler Sebastian Koch nach der aktuellen Relevanz des Films gefragt - und uns selbst ein paar Gedanken gemacht:

Der Film erzählt die auf Tatsachen beruhende Geschichte des Jungen Ernst Lossa. Der 13-jährige wurde als "asozial" eingestuft und in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen. Dort wurde er Zeuge der gezielten Ermordung seiner behinderten und psychisch kranken Mitinsassen. Er versuchte ihnen zu helfen - und wurde schließlich selbst ermordet.

 

Sebastian Koch als Dr. Werner Veithausen

 

Der Film greift mit der "Euthanasie" ja ein historisches Thema auf. Hat der Film für Sie eine aktuelle Relevanz?

Sebastian Koch: Die ursprüngliche Idee der auf dem Sozialdarwinismus basierenden Erbgesundheitslehre kam ja schon wesentlich früher am Ende des 19. Jahrhunderts auf, mit der Absicht positive Erbanlagen zu vergrößern und negative zu verringern. Ein damals durchaus gesellschaftlich relevantes Thema, das heftig und offen diskutiert wurde, das aber die Nazis in unverschämter Weise für ihre Zwecke zu nutzen wussten. Alle diese gedanklichen Systeme führen uns immer in ein moralisches Dilemma - auch heute wieder. Die Pränatal Diagnostik zum Beispiel, die zum Großteil von unserem Gesundheitssystem und den Kassen übernommen wird, bringt uns doch genau wieder an diesen ethisch-moralischen Punkt. Dabei stellt sich im Wesentlichen immer die Frage, wer entscheidet, ab wann ein Leben lebenswert ist oder nicht.

 

Die Debatte um die ethischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Pränatal Diagnostik flackerte Mitte August dieses Jahres kurz wieder auf: Anlass war die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses, eine sogenannte Methodenbewertung für den Bluttest auf Trisomie einzuleiten. Am Ende des Verfahrens könnte der Test Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen werden.

 

Bundestagsabgeordnete unterschiedlicher Fraktionen stellten eine kleine Anfrage, in der es heißt: "Ein Methodenbewertungsverfahren wäre ein entscheidender Schritt, um den vorgeburtlichen Bluttest auf Trisomie 21 (Down-Syndrom) zu einer regulären Kassenleistung zu machen. Wir sind darüber sehr besorgt. Die Möglichkeit sehr früh und "risikoarm" zu testen, könnte auch die gesellschaftliche Erwartung erzeugen, diese Angebote nutzen zu müssen. Damit erhöhen sich möglicherweise auch der Druck und die individuelle Verantwortung, ein "perfektes" Kind zu gebären. Eltern, die sich dann gegen den Test oder wissentlich für ein behindertes Kind entscheiden, könnten immer mehr in Erklärungsnöte geraten."

 

Der "Druck" und die "individuelle Verantwortung" sind schon lange Realität. Ältere Verfahren der pränatalen Diagnostik sind bereits ganz selbstverständlich in alle Frauenarztpraxen eingezogen und werden von den Krankenkassen übernommen. Und wird beim Ungeborenen beispielsweise das Down-Syndrom festgestellt, entscheiden sich nahezu alle werdenden Eltern für einen Abbruch der Schwangerschaft.

 

Was sagen Menschen mit Behinderung dazu?

Die Zeitschrift "Ohrenkuss" ist ein Magazin, das von Menschen mit Down-Syndrom gemacht wird. Im Jahr 2012 rief das Redaktions-Team auf der Ohrenkuss-Webseite dazu auf eine Petition zum Verbot des genannten Bluttests zu unterszeichnen. Autorin Svenja Giesler schreibt dazu: (Ich will) "dass sie Respekt vor mir haben. Die sehen nicht, wie ich mich fühle. Dass es mir Angst einjagt und dass es sehr erschreckend für mich ist. Ich habe Down-Syndrom, aber ich stehe dazu. Ich bin kein Alien, denn ich bin so wie ich bin. Jeder soll es verstehen und mich respektieren."

 

Die Forderung nach Verständnis und Respekt wirft die Frage auf, wo unsere Gesellschaft heute im Verhältnis zu Menschen mit Behinderung steht. Dazu Sebastian Koch:

"Nach wie vor ist die Distanz zu behinderten Menschen unverhältnismäßig groß. Behinderte Menschen brauchen Zeit, Geduld und Aufmerksamkeit - alles Dinge, die in unserer Gesellschaft kaum noch existieren. Es ist halt immer noch einfacher, wegzugucken als sich auseinanderzusetzen. Bei den Dreharbeiten war ich Gott sei Dank gezwungen, dies in intensiver Form zu tun, da wir mit vielen behinderten Kindern und Erwachsenen zusammengearbeitet haben. Und wie so oft im Leben, führt Mehr-Wissen auch zu mehr Annäherung. Ich konnte doch sehr viele meiner Ängste und Unsicherheiten in dieser Zeit abbauen. Das hat sehr viel Spaß gemacht und mir einen neuen Zugang mir mehr Sicherheit, Vertrautheit und Selbstbewusstsein im Umgang mir behinderten Menschen ermöglicht."

 

Von Lehrern hört man häufig: In unseren Schulen sitzt die Gesellschaft von Morgen. Wenn es normal wird, dass die beste Freundin aus Schulzeiten eine Behinderung hat, überwinden wir als Gesellschaft hoffentlich diese Distanz. "Wir sollten darüber nachdenken, das Konzept der Behinderung zu hinterfragen. Was wir Behinderung nennen, könnte auch als Ausdruck der Vielfalt des menschlichen Daseins gesehen werden.", so Prof. Dr. Michael von Cranach, historischer und medizinischer Berater des Films, im Presseheft.

 

 

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